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Drogenkonsum
Die Speedmetropolen Europas


Wissenschaftler untersuchen Abwasserproben und finden heraus: Der Konsum von Crystal Meth ist nirgends so hoch wie in Erfurt, Chemnitz und Dresden. Was das Abwasser über den europäischen Drogenkonsum aussagt. Von NATHANAEL KEIDEL



0,41 Milligramm Amphetamin, auch Speed oder Pep genannt, nimmt ein Saarbrücker durchschnittlich pro Tag zu sich – doppelt so viel, wie ein Bewohner Reykjavíks (0,21 Milligramm). Dahinter liegen die Bürger Oslos und Antwerpens, die 0,20 Milligramm und 0,18 Milligramm konsumieren. Laut Europäischem Drogenbericht ist Saarbrücken mit seinen nicht einmal 180.000 Einwohnern die Speed-Metropole Europas.1

Um herauszufinden, welche illegalen Drogen in Europa konsumiert werden, untersuchte ein europäisches Wissenschaftlerteam, die Score-Gruppe (Sewage analysis core group Europe), das Abwasser von Haushalten in 73 Städten, darunter 16 deutsche.2 Denn: Wenn der Körper Drogen abbaut, bleiben sogenannte Metaboliten übrig. Nach dem Stoffwechsel scheidet der Körper diese über den Urin aus. Dadurch gelangen die Abbaustoffe ins Abwasser. Die Wissenschaftler entnehmen deshalb Proben, bevor das Abwasser aus den Haushalten ins Klärwerk geleitet wird. Cannabis und Heroin lassen sich nicht messen, weil die Konzentration zu gering ist. Aber Amphet­amine, Crystal Meth, MDMA und Kokain sind nachweisbar.3 Erstaunlicher Nebeneffekt: Selbst in Aalen und Flohkrebsen finden sich Rückstände von Koks.4

Mehr Kokain- und MDMA-Konsum in Großstädten
Die Ergebnisse der Studie zeigen: In den meisten Ländern wird in Großstädten mehr gekokst als in kleineren Städten, besonders in West- und Südeuropa.5 Hier fallen Städte in Belgien und den Niederlanden auf, gleich nach Zürich und Barcelona. Hohe MDMA-Belastungen haben die Wissenschaftler hingegen nicht nur in belgischen und niederländischen Städten festgestellt, sondern auch in deutschen. Crystal-Meth-Rückstände waren besonders in deutschen und tschechischen Städten auffällig hoch, in Oslo sind sie in den letzten Jahren dagegen auffällig stark gesunken.6 Dabei war die Hauptstadt Norwegens im Jahr 2014 noch Spitzenreiter. Amphetamine kommen vor allem in Nord- und Südeuropa vor, Platz eins gehört aber Saarbrücken.7

Die Politiker im Saarland waren vom Ergebnis der Studie so überrascht, dass sie eine ausführlichere Untersuchung bei der Technischen Universität Dresden in Auftrag gaben: Statt in nur einer Woche sollten die Werte über sechs Wochen und an mehreren Standorten gemessen werden. Das Ergebnis blieb dasselbe. Saarbrücken hat ein Amphetamin-Problem. Das bestätigte dann auch der Drogenbeauftragte der Landesregierung, Staatssekretär Stephan Kolling.8



Jede Woche eine neue Droge
Seit 1993 gibt es die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, die jährlich den Europäischen Drogenbericht herausgibt. Seit der ersten Veröffentlichung im Jahr 1996 hat sich einiges geändert: Zwar ist Cannabis immer noch die am häufigsten konsumierte illegale Droge – 27,4 Prozent der Europäer zwischen 15 und 64 Jahren haben bereits einmal gekifft. Doch auch der Kokainmarkt ist gewachsen: Die Verfügbarkeit und Reinheit von Kokain sind so hoch wie nie. Fahnder stoßen immer öfter auch in Europa auf Heroinlabore. Und seit 2011 tauchen deutlich mehr neue Drogen auf. 2018 waren es 55, also mehr als eine neue Substanz pro Woche.

Vor allem synthetische Opioide könnten für Europa zu einem ernsten Problem werden, warnen die Autoren der Studie. Denn Opioide wie Metha­don oder Fentanyl wirken zwar schmerzstillend, machen aber auch sehr schnell abhängig. In den USA beispielsweise wurden 2017 insgesamt 70.237 Tote durch Überdosis gemeldet, 68 Prozent davon werden mit Opioiden in Verbindung gebracht.9 Aber auch der Konsum neu entwickelter Substanzen kann zu schweren Vergiftungen und Todesfällen führen. Erst recht, wenn Dealer oder Konsumenten verschiedene Drogen miteinander mischen.10 Für die EU belegen die Statistiken, dass die Zahl der Drogentoten leicht ansteigt. 2017 waren es 8.238 Fälle, also 309 mehr als im Vorjahr. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Noch immer sind mit 78 Prozent der überwiegende Teil der Todesopfer Männer. Das Durchschnittsalter ist seit 2010 von 34 auf 39 Jahre gestiegen.11



Aber warum wird in manchen deutschen Städten mehr Speed genommen, in anderen hingegen mehr Kokain, Crystal Meth oder andere Drogen? Eine Erklärung könnte die Nähe zu bestimmten Nachbarstaaten sein. Von Erfurt, Chemnitz und Dresden ist es beispielsweise nicht weit nach Tschechien, dem Land in Europa, in dem mit Abstand das meiste Methamphetamin hergestellt wird. Von 298 illegalen Methamphet­aminlaboren, die 2017 entdeckt wurden, lagen 264 in der Tschechischen Republik.12

Warum gerade dort? Während des Kalten Krieges kamen nur wenige Drogen aus Westeuropa über die Grenzen. Deswegen stellten die Einwohner Tschechiens ihre Rauschmittel einfach selbst her. Bei Crystal Meth geht das relativ einfach und ohne große Labore. Dafür wurden frei verkäufliche Arzneimittel und Chemikalien genutzt, aus denen der Wirkstoff Ephedrin extrahiert werden kann, der Ausgangsstoff für Methamphetamin. Nach 1989 hat sich die illegale Drogenproduktion weiterentwickelt.13

Drogen gegen Stress und für intensiveren Sex
Auch in Saarbrücken ist die Grenznähe ein ausschlaggebender Grund. Der Drogenbeauftragte des Saarlandes mutmaßte nach Bekanntwerden der Ergebnisse: In den Beneluxländern gebe es Amphetaminlabore. Das erkläre, warum die Droge im Saarland sehr einfach und günstig zu erhalten sei.14 Der Europäische Drogenbericht bestätigt das: Das meiste Speed wird in den Niederlanden und Belgien hergestellt.15

Warum manche Menschen eine bestimmte Droge bevorzugen, ist in Deutschland kaum erforscht. Die Betroffenen geben über ihren illegalen Konsum kaum Auskunft. Forscher des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg befragten in persönlichen Interviews und anhand von Onlinefragebögen 392 Personen, die sich wegen ihres Drogenkonsums in stationärer Behandlung befanden. Das Ergebnis: Speed gilt in unterschiedlichen Musikszenen als Partydroge, weil es wach hält und die Aufmerksamkeit steigert. So wird die Droge beispielsweise konsumiert, um trotz Müdigkeit feiern zu können, die Stimmung aufzuhellen oder auch Sexualität intensiver zu erleben. Dass der Konsum als Partydroge öfter eine Rolle spielt, belegen auch die Abwassermessungen. Saarbrücken nimmt vermehrt am Wochenende Speed. Der Wert liegt 15 Prozent über dem der Werktage.16 Dieser Trend zeigt sich auch in anderen Städten: Zwischen Freitag und Montag stellen die Wissenschaftler in 75 Prozent aller Städte im Wasser eine höhere Belastung an Speed, Kokain und MDMA fest.17

Auch Crystal Meth gilt als Leistungsdroge. Sie soll den Alltag besser strukturieren, Albträume unterdrücken, psychische Probleme verdrängen und die Sexualität beleben. Vor allem Stresssituationen bringen Menschen zur Droge.18



Welche ist die schädlichste Droge?
Das Tückische an Methamphetamin: Verglichen mit anderen anregend wirkenden Drogen – wie beispielsweise Amphetamin oder Kokain – hat es eine längere Abbaudauer. Weil sich die Droge länger im Körper befindet, kann sie die Gesundheit stärker schädigen und schneller eine Abhängigkeit auslösen. Jedoch gilt in der EU unter Experten weiterhin Alkohol als schädlichste Droge, wenn man alle physischen, psychischen und sozialen Auswirkungen einbezieht. Bei den illegalen Drogen steht Heroin an erster Stelle. Darauf folgen Crack, Methamphetamine, Amphetamin und Cannabis.19

Für die Bekämpfung von Drogen in Europa gibt es nationale Strategiepapiere. Schon seit 1990 werden regelmäßig auch EU-Drogenaktionspläne verabschiedet. Deren wesentliches Ziel ist es, Nachfrage und Angebot zu senken. Die Maßnahmen brachten bis Ende 2016 aber nicht das gewünschte Ergebnis. Das Behandlungsangebot für Personen, die regelmäßig Drogen konsumieren, hat sich allerdings verbessert.20

Im Saarland hat der Drogenbeauftragte der Landesregierung nach Bestätigung der hohen Werte als Sofortmaßnahme eine Präventionskampagne gestartet. Im ganzen Bundesland verteilt die Regierung seit April Postkarten, die auf die Gefahren von Speed und anderen Drogen hinweisen – und auf Suchtberatungsangebote.

Dieser Text erschien in der 16. Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.




[1] Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) (Hg.): Abwasseranalyse und Drogen – eine europäische städteübergreifende Studie, interaktives Datentool, auf: emcdda.europa.eu (2019a).
[2] Ebd.
[3] EBDD (Hg.): Drogenperspektiven. Abwasseranalyse und Drogen – eine europäische städteübergreifende Studie, Lissabon 2019b, S. 2f.
[4] Capaldo, Anna; Gay, Flaminia; Maddaloni, Massimo u.a.: Presence of Cocaine in the Tissues of the European Eel, Anguilla anguilla, Exposed to Environmental Cocaine Concentrations, in: Water Air Soil Pollution, 2012; Miller, Thomas H.; Ng, Keng Tiong; Bury, Samuel T. u.a.: Biomonitoring of pesticides, pharmaceuticals and illicit drugs in a fresh­water invertebrate to estimate toxic or effect pressure, in: Environment International, (129)2019, S. 595-606.
[5] EBDD 2019b, S. 2.
[6] EBDD 2019a.
[7] Ebd.
[8] Weichsel, Manuela: »Das Saarland hat ein Amphetamin-Problem«, auf: sr.de (27.3.2019).
[9] Centers for Disease Control and Prevention (Hg.): Drug Overdose Deaths, auf: cdc.gov.
[10] EBDD (Hg.): Europäischer Drogenbericht 2019. Trends und Entwicklungen, Luxemburg 2019c.
[11] Ebd.; EBBD (Hg.): Europäischer Drogenbericht 2018. Trends und Entwicklungen, Luxemburg 2018.
[12] EBDD 2019c, S. 32.
[13] Zábranský, Tomáš: Meth­amphetamine in the Czech Republic, in: Journal of Drug Issues, (37)2007,
S. 155-180.
[14] Saarländischer Rundfunk (Hg.): aktueller bericht (27.03.2019), Neue Studie bestätigt Amphetamin-Problem im Saarland, auf: sr-mediathek.de (27.3.2019).
[15] EBDD 2019c, S. 31.
[16] EBDD 2019a.
[17] EBDD 2019b, S. 2-3.
[18] Milin, Sascha; Kleinau, Charlotte; Lüdorf, Till u.a.: Konsummotive bei Stimulanzienkonsum: Ein Vergleich von Amphetamin- und Methamphetaminkonsumenten, in: Suchttherapie, (17)2016, S. 17-21.
[19] Amsterdam, Jan van; Nutt, David; Philips, Lawrence u.a.: European rating of drug harms, in: Journal of Psychopharmacology, (29)2015, Nr. 6,
S. 655-660.
[20] Balbirnie, Emilie; Davies, Matthew; Disley, Emma u.a.: Mid-Term Assessment of the EU Drugs Strategy 2013–2020 and Final Evaluation of the Action Plan on Drugs 2013–2016, Luxemburg 2018, S. 10-11.


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12.03.2020

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