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Organspende
8.000 Nieren benötigt, 2.100 Nieren gespendet


In Deutschland werden zu wenig Organe gespendet. Der Bundestag lehnt die sogenannte "doppelte" Widerspruchslösung ab, die in den meisten europäischen Ländern bereits eingeführt ist: Alle volljährigen Bürger kämen damit automatisch als Spender in Betracht, außer sie entscheiden sich aktiv dagegen. Von LINDA SENDLINGER



Aktuell gilt mit der erweiterten Zustimmungslösung die gegenteilige Regelung: Wer Organe spenden möchte, muss sich dazu schriftlich bereit erklären. Hat sich der Verstorbene zu Lebzeiten nicht dazu geäußert, können Angehörige darüber entscheiden. 2012 erweiterte der Bundestag das Gesetz: Krankenkassen sind seit dieser sogenannten Entscheidungslösung dazu verpflichtet, die Versicherten regelmäßig über die Möglichkeit der Organspende zu informieren und Organspendeausweise zu verteilen.

Ob eine Person überhaupt für eine Spende infrage kommt, entscheiden letztlich aber auch medizinische Aspekte. Zunächst muss der Hirntod festgestellt werden, bevor ein Krankenhaus den Organspendeprozess einleiten kann. Erst dann stellen Ärzte fest, ob Organe transplantiert werden können. Weil das Zeit kostet, muss das Herz-Kreislauf-System künstlich am Leben gehalten werden, damit die Organe ausreichend Sauerstoff bekommen.

Aktuell warten in Deutschland über 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan.1 Doch in der Bundesrepublik erklären sich pro eine Million Menschen nur 11,5 zu einer Entnahme bereit erklärt. Im Jahr 2018 wurden insgesamt fast 4.000 Organe transplantiert, mit etwa 2.100 Operationen am häufigsten davon die Niere.2 Sie wird am dringendsten benötigt, rund 8.000 Dialysepatienten brauchen eine Transplantation.3

Im weltweiten Vergleich liegt Deutschland bei den Spenderzahlen im Mittelfeld. Spitzenreiter ist Spanien mit 48 Organspendern je einer Million Menschen (2018), in den USA waren es im selben Jahr 33,3 Spender, und selbst Brasilien liegt mit 17 Spendern je einer Million Einwohnern noch vor der Bundesrepublik. Schlechter stehen etwa China mit 3,7 Spendern und Japan mit 0,9 Spendern (2017) da.4 In Japan sind die Zahlen unter anderem deshalb so niedrig, weil das Land an strengen medizinischen Richtlinien zur Organspende festhält. So dürfen Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren beispielsweise keine Organe entnommen werden.5

In Europa ist die Widerspruchslösung, über die der Bundestag diskutiert, weit verbreitet: Sie gilt in 23 Ländern. Nur in Großbritannien, Island, Dänemark, der Schweiz, Litauen und Rumänien gilt die erweiterte Zustimmungslösung. In den Niederlanden soll ab diesem Jahr jeder volljährige Bürger und jede volljährige Bürgerin für eine Organspende infrage kommen.

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[1] Deutscher Bundestag (Hg.): Abgeordnete führen Orientierungsdebatte zur Organspende, auf: bundestag.de.
[2] Bundesverband Niere (Hg.): Transplantation. Wichtige Informationen für Betroffene, auf: bundesverband-niere.de.
[3] Ebd.
[4] Organspende (Hg.): Die Entscheidungslösung in Deutschland und gesetzliche Regelungen in anderen europäischen Ländern, auf: organspende-info.de.
[5] Ishii, Masami; Hamamoto, Mieko: Bioethics and Organ Transplantation in Japan, in: JMA Policies, (52)2019, S. 289-292.


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16.01.2020
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Kommentare


Holger   22:02 Uhr 18.01.2020

Diese Abstimmung im Bundestag fand ich wirklich bemerkenswert - und das ausnahmsweise wirklich Mal im positiven Sinne:

Ein Gesundheitsminister, der früher durchaus für die Zustimmungslösung war, trommelt (mit Blick auf die Wahlen in zwei Jahren, wo er dann Erfolge melden will, um sich vielleicht auch noch für ganz andere Ämter in Stellung zu bringen) auf einmal für die Widerspruchslösung, als gebe es kein Morgen mehr. - Einzige (offizielle) Begründung: Ja, wir brauchen halt die Organe und viele unserer Nachbarn machen's ja auch so.

Auf der anderen Seite, die (Ko-)Chefin einer (nicht ganz zu Unrecht) als Verbots- und Bevormundungspartei bekannten Gruppierung, die ebenfalls auf die nächsten Wahlen schaut - und deshalb auch aufs Image, denn auch hier macht man sich große Hoffnungen.

Zwischen diesen beiden aber - und das ist jetzt das Interessante - die Abgeordneten: Kein Fraktionszwang, die Ja- und Nein-Sager gehen durch alle Parteien und es kann endlich einmal jeder das tun, was er eigentlich immer tun müsste: Nur nach seinem Gewissen entscheiden.

Das gibt es wirklich selten und das ist auch uneingeschränkt positiv zu bewerten.

Das Ergebnis schließlich ist für mich persönlich auch nicht ohne eine gewisse Ironie:

Ausgerechnet zu hoffen, dass der Vorschlag von einem CDU-Minister scheitert und - das ist der Gipfel - zu wünschen, das die Zustimmungslösung vom Pumuckl durchkommt, das ist schon verrückt.

Immerhin, es ist geschehen. Die kalte Entmündigung aller Bürger, die Spahn vorhatte, die ist gescheitert.



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