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Statistik
Wie tödlich ist das Coronavirus?


Das kann bislang noch niemand mit Sicherheit sagen. Die Datenlage ist sehr unsicher, Vergleiche sind schwierig und in der Öffentlichkeit werden Begriffe vermischt. Somit kursieren sehr verschiedene Zahlen. Woran liegt das? Von JAN-NIKLAS KNIEWEL



In Südkorea starben bislang 0,9 Prozent aller gemeldeten COVID-19-Erkrankten1, in Italien liegt dieser Wert zur Zeit bei 7,2 Prozent, in China sind es vier Prozent. Weltweit starben 3,7 Prozent aller diagnostizierten Krankheitsfälle (Stand 15.3., abends).2 Bei diesen Zahlen handelt es sich um den groben Fall-Verstorbenen-Anteil (case fatality ratio, CFR), beziehungsweise die Fallsterblichkeit. Er beziffert den Prozentsatz der Verstorbenen an den offiziell bekannten Krankheitsfällen und ist eine Momentaufnahme. Dieser Wert beschreibt aber nicht, wie tödlich das Virus für Infizierte ist, weil insbesondere milde oder symptomlose Verläufe oft nicht erfasst werden.3 Der Wert, der auch diese Zahlen einschließt, heißt Infizierten-Verstorbenen-Anteil (infection fatality ratio, IFR) und dürfte letztlich deutlich geringer ausfallen.4 Ihn zu berechnen ist wegen der Dunkelziffer aber auch weitaus komplizierter.

Doch warum variiert die CFR so stark zwischen verschiedenen Ländern?

Zeit
Die Pandemie ist in vollem Gange. Definitiv lässt sich die CFR erst bestimmen, wenn der Ausbruch abgeebbt ist und die Infizierten entweder genesen oder verstorben sind. Im Falle von COVID-19 kann es laut Daten, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in China gesammelt hat, bis zu acht Wochen dauern, bis ein Erkrankter verstirbt. Milde Krankheitsfälle sind jedoch meist schon nach zwei Wochen wieder gesund.5 Bei den gegenwärtig kursierenden CFR handelt es sich also oft um sehr grobe Momentaufnahmen, was die WHO auch deutlich macht, indem sie in solchen Fällen von der „crude CFR“ spricht und stets zu bedenken gibt, dass es dabei zu Verzerrungen kommen kann. Das zeigte sich auch während der SARS-Epidemie 2002/2003: Die CFR fiel hier letztlich mehr als doppelt so hoch aus wie anfänglich von der WHO kommuniziert.

Testrate
Auch die Anzahl der Tests auf das Virus, die ein Land durchführt, kann die CFR massiv beeinflussen. Je mehr Tests durchgeführt werden, desto öfter werden auch milde Verläufe der Krankheit als solche diagnostiziert und fließen in die Statistik ein. Das senkt den Anteil der Verstorbenen in den Daten. Und kein anderes Land der Welt – mit Ausnahme Bahrains – hat in Relation zur Bevölkerungsgröße so viele COVID-19-Tests durchgeführt wie Südkorea – mehr als dreimal so viele wie Italien.6 Für weitere Unsicherheit sorgt die Testrate unter bereits Verstorbenen. Denn unklar ist, wie viele (insbesondere ältere) Menschen an COVID-19 sterben, ohne je diagnostiziert worden zu sein. Dies kann wiederum dazu führen, dass zu wenige Tote in der Statistik erfasst werden.



Überlastung der Kliniken
Ob das Gesundheitssystem eines Staates mit dem Ansturm von vielen Erkrankten überfordert ist, spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Südkorea ist nicht überfordert und es gelingt dem Land bislang gut, die Krise zu managen. Das Gesundheitswesen in Norditalien hingegen ist in der Krise gegenwärtig völlig überlastet.7 Die Folgen können fatal sein, wie auch das Beispiel China zeigt: Starben in Wuhan, dem überforderten Epizentrum des COVID-19-Ausbruchs, bis zum 1. Februar 5,8 Prozent aller bekannten Infizierten, lag die CFR im Rest des Landes nur bei 0,7 Prozent.8 Auch wirken sich entsprechende Krisensituation negativ auf die Testrate aus, was insbesondere die Erfassung milderer Krankheitsverläufe betrifft.

Demografie
In Italien sind etwa 23 Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre. In Korea sind es nur 14 Prozent.9 Und COVID-19 ist für ältere Menschen gefährlicher als für junge. Die bisher in diesem Text aufgeführten CFR berechnen aber nur einen groben Durchschnitt für alle Verstorbenen. Weder das erhöhte Risiko für Menschen mit Vorerkrankungen noch das für ältere Menschen wird so abgebildet. Unter Menschen zwischen 70 und 79 liegt die CFR nämlich auch in Südkorea bei 5,3 Prozent.10 In China waren es bis 11. Februar acht Prozent. In Italien starben den letzten Daten zufolge 12,5 Prozent aller Erkrankten dieser Altersgruppe.12 Unter noch älteren Menschen sieht die CFR noch dramatischer aus.



Es gibt noch viele weitere Faktoren, die sich auf die Fallsterblichkeit auswirken. Wie zugänglich ist medizinische Versorgung auch für arme Menschen? Wie gut hat sich ein Land vorbereitet und wie erfahren ist es im Umgang mit Epidemien? Mutiert das Virus? Neben all diesen Unsicherheiten ist die Fallsterblichkeit also vor allem davon abhängig, wie viele Alte sich infizieren und ob es zu einer Überforderung des Gesundheitssystems durch zu viele Patienten kommt. Aus diesem Grund sind Absagen von Veranstaltungen, Besuchsverbote in Pflegeeinrichtungen, Social Distancing und andere derzeit breit diskutierte Maßnahmen so wichtig. Nur so lassen sich Senioren und Menschen mit Vorerkrankungen schützen und nur so lässt sich die Zahl der Neuinfizierungen senken und das Gesundheitssystem vor Überlastung bewahren. Dabei geht es nicht nur um die Sterblichkeit unter COVID-19-Erkrankten: Ist das Gesundheitssystem überlastet, sterben auch mehr Menschen, die wegen Schlaganfällen, Herzinfarkten oder ähnlichen Notfällen auf intensivmedizinische Versorgung angewiesen wären und diese nicht in angemessener Qualität erhalten können.

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[1] Korea Center for Disease Control (Hg.): Updates on COVID-19 in Korea (as of March 15), auf: cdc.go.kr (15.3.2020).
[2] Daten des Center for System Science and Engineering der Johns-Hopkins-Universität.
[3] Robert-Koch-Institut (Hg.): SARS-CoV-2 Steckbrief zur Coronavirus-Krankheit-2019, auf: rki.de (13.3.2020).
[4] WHO (Hg.): Coronavirus disease 2019 Situation Report 30, auf: who.int (19.2.2020).
[5] WHO (Hg.): Report of the WHO-China Joint Mission on Coronavirus Disease 2019 (COVID-19), auf: who.int (24.2.2020).
[6] Roser, Max et al.: Coronavirus Disease (COVID-19) – Research and Statistics, auf: ourworldindata.com.
[7] Horowitz, Jason: Italy’s Health Care System Groans Under Coronavirus — a Warning to the World, auf: nytimes.com (12.3.2020).

[8] WHO (Hg.): Report of the WHO-China Joint Mission on Coronavirus Disease 2019 (COVID-19), auf who.int (24.2.2020).
[9] World Bank (Hg.): Population ages 65 and above (% of total population), auf: data.worldbank.org.
[10] Korea Center for Disease Control 2020.
[11] Zhang, Yanping: The Novel Coronavirus Pneumonia Emergency Response Epidemiology Team. The Epidemiological Characteristics of an Outbreak of 2019 Novel Coronavirus Diseases, auf: weekly.chinacdc.cn (17.2.2020).
[12] Istituto Superiore di Sanità (Hg.): Integrated surveillance of COVID-19 in Italy, auf: iss.it (15.3.2020).


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16.03.2020

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