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Supermarktketten
Menschenrechte zum Dauertiefpreis


Billigpreise und Sonderangebote: Hinter dem Preiskampf der deutschen Supermärkte stecken in Wahrheit einige große Handelsketten. Sie dominieren den Markt, setzen die Preise und diktieren die Lieferbedingungen. Während sie Milliarden verdienen, liefern die Produzenten zum Hungerlohn.



Fünf große Konzerne beherrschen den Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland: Edeka, Rewe, Aldi, Schwarz und Metro haben zusammen einen Marktanteil von 75 Prozent.1 Deswegen können sie großen Einfluss darauf nehmen, wieviel ihre Kunden für Lebensmittel bezahlen müssen – und was die Produzenten im In- und Ausland dafür erhalten. Doch diese beklagen, dass sie durch die Billigpreise in die Insolvenz getrieben werden.

Preisdumping führt zu Pestizideinsatz auf Bananenplantagen
Für Produzenten aus Ländern des Globalen Südens, die ihre Ware exportieren, ist die Situation besonders gravierend. Im Schnitt verdienen deutsche Supermarktketten an Avocados, Thunfisch oder Kakao mehr als 50 Prozent. Kleinbauern und Arbeiter gerade mal sieben.2

Eine aktuelle Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam zeigt beispielsweise, dass Bananen in Ecuador immer seltener von kleinen Betrieben produziert werden. Zwischen 2015 und 2018 sank deren Anzahl um 60 Prozent. Die der Bananenproduzenten, die mehr als 20 Hektar Land besitzen, erhöhte sich hingegen um 20 Prozent. Eigentlich gilt in Ecuador ein gesetzlich festgelegter Mindestpreis von 6,30 US-Dollar für eine Kiste Bananen. Tatsächlich jedoch bekommen die Produzenten diese Summe selten, sondern müssen ihre Ware für zwei bis drei Dollar anbieten.3

Die Folgen niedriger Einkaufspreise spüren vor allem die Bauern und Erntearbeiter in Ecuador und Kolumbien. Von dort importieren deutsche Supermärkte die meisten Bananen. Die Löhne der Plantagenarbeiter sind so niedrig, dass sie unter der Armutsgrenze leben. Befragungen auf ecuadorianischen Bananenplantagen ergaben zudem, dass die Besitzer durch die niedrigen Preise gezwungen sind, ihre Produktion zu erhöhen und Ernteausfällen vorzubeugen. Dazu setzen sie Pestizide ein, die die Gesundheit der Plantagenarbeiter gefährden.4

Aldi macht den Preis
Für diese Situation macht Oxfam die deutschen Supermarktketten mitverantwortlich. Die niedrigsten Preise bieten Discounter wie Penny, Lidl oder Netto Marken-Discount an: Dort sind Bananen im Schnitt um 15 Prozent günstiger als bei Edeka oder Rewe. Insgesamt wurden Bananen in der Vergangenheit von Jahr zu Jahr billiger. Schuld daran sei Aldi, berichtet Oxfam auf Basis von Informationen eines Händlers. Durch seine großen Abnahmemengen bestimme der Konzern den Einkaufspreis für Obst und Gemüse, das in Deutschland verkauft wird. Importeure beobachten den Markt und melden ihre Preiserwartungen – etwa für eine Kiste Bananen – an Aldi. Aldi entscheidet daraufhin, wieviel für die Ware bezahlt wird. Der Importpreis für Bananen einschließlich der Kosten für Transport und Versicherung orientiert sich nicht nur am Einzelhandelspreis in Deutschland, sondern konkret an dem von Aldi. Die anderen Ketten importieren dadurch zu entsprechend niedrigen Preisen, um konkurrenzfähig zu sein.5

Niederlande haben eine Lösung
Lidl wollte es 2018 besser machen und verkaufte nur noch Fairtrade-Bananen. Nach einem Jahr war damit allerdings schon wieder Schluss. Die Konkurrenz lockte die Kunden weiter mit konventionellen Bananen zu gewohnt niedrigen Preisen. Lidl zahlte also drauf, weil sich die fair gehandelten Bananen für 1,09 Euro pro Kilogramm nicht verkauften.

Anders verhält es sich in niederländischen Supermärkten. Dort verkaufen die Ketten Plus, Spar, Marqt und Deen ausschließlich Fairtrade-Bananen. Was ist das Problem in Deutschland? Edeka, Rewe, Lidl und Aldi konkurrieren um Kunden – und damit auch um Marktanteile. Anders als in den Niederlanden gibt es keinen gemeinsamen Willen der großen Anbieter, im gesamten Einzelhandel nur fair gehandelte Bananen zu einem moderat erhöhten Preis anzubieten. Die Folge: Sie unterbieten sich gegenseitig im Preis für Lebensmittel. Höhere Umsätze durch mehr Kunden, aber zu immer niedrigeren Preisen, so die Logik.

Während die Supermärkte an den Produkten verdienen, warten Lieferanten oft wochenlang auf ihr Geld. Sie werden teilweise erst bezahlt, wenn die Lebensmittel schon lange verkauft sind. Einige dieser Handelspraktiken verbietet seit letztem Jahr eine neue EU-Richtlinie. Bis zum 1. Mai 2021 haben die Mitgliedstaaten Zeit, diese in nationales Recht umzusetzen. Der Käufer muss dann beispielsweise die Lieferanten verderblicher Lebensmittel innerhalb von 30 Tagen bezahlen. Das viel kritisierte Preisdumping der Supermärkte ist von den Verboten jedoch nicht betroffen. Und auch die Vertreter des Einzelhandels selbst wehren sich gegen den Vorwurf: »Die Preise werden absolut nicht gedrückt«, erklärt etwa der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland. Die deutschen Lebensmittel lägen preislich immerhin zwei Prozent über dem EU-Durchschnitt. Und viele Supermarktkunden könnten sich höhere Preise ohnehin nicht leisten.6

Eine aktuelle Studie der Gesellschaft für Konsumforschung weckt Zweifel an dieser Darstellung. Im Vergleich zu 2009 gaben im Jahr 2019 nicht mehr nur 27 Prozent, sondern 42 Prozent der Befragten an, dass sie sich »fast alles leisten« könnten. Nur noch 17 Prozent können sich »fast nichts mehr leisten«. Auch die Nachfrage nach hochwertigen Produkten stieg: Supermärkte steigerten ihren Umsatz 2019 um drei Prozent, Discounter nur um 0,9 Prozent. Und über die Hälfte der Kunden gibt an, eine hohe Qualität einem möglichst niedrigen Preis vorzuziehen.7

Damit Arbeiter und Produzenten einen angemessenen Lohn erhalten, müsste der Verbraucherpreis aber noch nicht einmal steigen. Der Betrag, um den die Supermarktketten zwischen 2011 und 2015 ihren Anteil an einer verkauften Banane gesteigert haben, ist sechsmal so hoch wie der Betrag, der nötig wäre, um Bauern und Arbeiter angemessen zu entlohnen.8 Der gemeinnützige Verein TransFair fordert den deutschen Einzelhandel daher auf, komplett auf fair gehandelte Bananen umzusteigen, wie es die Niederlande getan haben. In Deutschland ist bisher nur etwas mehr als jede zehnte verkaufte Banane ein Fairtrade-Produkt.9

Deutsche Supermärkte besonders schlecht
Deutsche Supermärkte rechtfertigen die Billigpreise oft damit, dass sie sich daran orientieren müssten, was die Kunden kaufen. Doch die Probleme sind weitaus gravierender. Auch ihr fehlendes Engagement für Menschenrechte innerhalb der Lieferketten wird von Menschenrechtsorganisationen kritisiert: 2018 recherchierten Oxfam-Mitarbeiter erstmals umfassend zu den 16 größten Supermarktketten in Deutschland, Großbritannien, den USA und den Niederlanden. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im »Supermarkt-Check«. Die Unternehmen wurden mittels eines Punktesystems bewertet.

Die vier Kategorien waren Transparenz, Rechte von Arbeitern, Umgang mit Kleinbauern sowie Frauenrechte. Im Sommer des letzten Jahres erschien der Bericht für das Jahr 2019: Aldi Süd verbessert sich auf »mangelhaft«, weil die Unternehmensgruppe einen Bericht über mögliche Menschenrechtsverletzungen in den eigenen Lieferketten veröffentlicht hatte. Alle anderen beobachteten Ketten aus Deutschland fallen weiterhin mit »ungenügend« durch. Die britischen Anbieter Tesco und Sainsbury’s schneiden am besten ab, gefolgt von der US-amerikanischen Kette Walmart. Tesco arbeitet etwa mit Gewerkschaften zusammen und engagiert sich für die Einführung existenzsichernder Löhne. Ein entscheidender Grund: Ein britisches Gesetz zwingt Unternehmen dazu, über Probleme mit modernen Formen der Sklaverei zu berichten und Lösungen zu erarbeiten.10

Im Frühjahr 2019 verpflichteten sich die niederländischen Supermarktketten Albert Heijn und Jumbo freiwillig dazu, offenzulegen, wer sie beliefert und zu welchen Bedingungen. In Deutschland macht das kein Supermarkt. Zwar bieten deutsche Ketten teilweise Fairtrade-Produkte an und unterstützen Kleinbauern durch einzelne Projekte. Recherchen in Ecuador und Südafrika zeigen jedoch, dass bisher nur auf einzelnen Plantagen Verbesserungen erzielt werden konnten.11 Das Forum Fairer Handel – ein Zusammenschluss von Organisationen des Fairen Handels – fordert mehr: Die EU-Richtlinien seien der richtige Anfang. Es müssten jedoch auch Verbote folgen, Lebensmittel zu Preisen zu verkaufen, die die Produktionskosten nicht decken.12

Solange deutsche Supermarktketten sich gegenseitig mit Sonderangeboten unter Druck setzen, kann der Lebensmittelhandel nicht fair werden. Discounter drücken den Preis, Supermärkte müssen mithalten. Das Paradoxe daran: Sie hängen zusammen. Zur Edeka-Gruppe gehört Netto, zur Rewe-Gruppe Penny. Der Preisdruck ist folglich hausgemacht. Und er wird weiter zunehmen, wenn die Supermarktkette Real wie geplant zerschlagen und unter den Konkurrenten aufgeteilt wird, wovon Beobachter ausgehen.13

Dieser Text stammt aus der KNICKER-Ausgabe 7 zum Thema Lebensmittelmarkt. Darin geht es um die Marktmacht großer Konzerne in Schwellen- und Entwicklungsländern, Menschenrechte zum Dauertiefpreis und vegane Burger, die von Fleischkonzernen hergestellt werden. Zu den Artikeln gibt es aufwendig recherchierte Karten – und eine A1-Karte zu Lebensmittelkonzernen und den dazugehörigen Marken.

Hier gibt es KATAPULT und KNICKER im Abo.




[1] Nielsen Tradedimensions 2019. – Das Bundeskartellamt berechnete 2016 sogar 85 Prozent Marktanteil für die größten vier Ketten. Bundeskartellamt: »Die ›Big Four‹ haben 85 Prozent Marktanteil«, auf: bundeskartellamt.de (20.02.2016).
[2] Oxfam Deutschland (Hg.): Die Zeit ist reif. Leid und Ausbeutung in Supermarktketten beenden, Berlin 2018, S. 6.
[3] Oxfam Deutschland (Hg.): Billigpreise deutscher Supermärkte verdrängen kleinbäuerliche Bananenproduzenten in Ecuador, auf: oxfam.de (3.2.2020).
[4] Oxfam Deutschland (Hg.): Süße Früchte, bittere Wahrheit. Die Mitverantwortung deutscher Supermärkte für Menschenunwürdige Zustände in der Ananas- und Bananenproduktion in Costa Rica und Ecuador, Berlin 2016, S. 23-27.
[5] Oxfam Deutschland (Hg.): Billige Bananen. Wer zahlt den Preis? Die negativen Auswirkungen der Preispolitik deutscher Supermarktketten auf Produzenten und Beschäftigte in Ecuador und Kolumbien, Berlin 2014, S. 6-8.
[6] BR24 (Hg.): Handelsverband Deutschland weist Dumpingpreis-Vorwurf zurück; auf br.de (3.2.2020).
[7] GfK Consumer Panel FMCG (Hg.): Consumer Index 2019, o.O. 2020.
[8] Oxfam Deutschland 2018, S. 13.
[9] Fairtrade Deutschland (Hg.): Fairtrade-Bananen, auf: fairtrade-deutschland.de (2018).
[10] Oxfam Deutschland (Hg.): Supermarkt-Check 2019: Mangelhaft bei Menschenrechten, auf: oxfam.de (3.7.2019).
[11] Oxfam Deutschland (Hg.): »Make Fruit Fair!« Das haben wir erreicht, auf: oxfam.de (21.6.2018).
[12] Forum Fairer Handel (Hg.): Dumpingpreise deutscher Supermärkte ruinieren Kleinbäuer*innen weltweit, auf: forum-fairer-handel.de (3.2.2020).
[13] Kläsgen, Michael: Der Real-Verkauf ist ein Fiasko, auf: sueddeutsche.de (17.2.2020).


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03.06.2020

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