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Migration
Der mörderische Weg ans Mittelmeer


Auf dem Weg zum Mittelmeer erleben Flüchtlinge und Migranten schwerste Gewalt. Doch ihr Leid bleibt in der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Ein neuer Bericht des UNHCR beleuchtet das Geschehen. Von JAN-NIKLAS KNIEWEL



Jedes Jahr machen sich Zehntausende Menschen von Afrika aus auf den Weg ans Mittelmeer, um von dort nach Europa überzusetzen. Jedes Jahr ertrinken Hunderte von ihnen bei der Überfahrt. Doch wie viele es gar nicht erst bis zur Küste schaffen, weiß niemand. Viele sterben in der Sahara, andere werden ermordet, misshandelt oder verschleppt. Verlässliche Zahlen gibt es nicht, das Elend der Menschen findet weitgehend unter dem Radar von Behörden und Öffentlichkeit statt.

Ein neuer Bericht des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) und des Mixed Migration Centre des Dänischen Flüchtlingsrates versucht nun, Fakten zu dokumentieren.1 Dafür haben die Autoren zwischen 2018 und 2019 mit rund 16.000 Flüchtlingen und Migranten entlang der Route nach Nordafrika gesprochen. Und allein diese Menschen berichten von etwa 1.400 Toten in diesen zwei Jahren. Nach Einbeziehung zusätzlicher Quellen schätzen die Autoren, dass mindestens 1.750 Menschen in diesem Zeitraum die Reise ans Mittelmeer nicht überlebten. Doch die Dunkelziffer dürfte groß sein.

28 Prozent der Opfer starben bei der Durchquerung der Sahara
Entlang der gesamten Route sind Menschen dem Bericht zufolge brutaler Gewalt ausgesetzt, darunter „Verbrennung mit heißem Öl, geschmolzenem Plastik oder erhitzten Metallgegenständen, Stromschläge, Fesseln in Stresspositionen und wiederholte sexualisierte Gewalt, oft im Zusammenhang mit Lösegeldforderungen“.2



Der Bericht fokussiert vor allem die Routen gen Libyen und Ägypten. Physische Gewalt findet am meisten in West- und Nordafrika statt. Staatliche Sicherheitskräfte sind fast für die Hälfte aller Taten verantwortlich. Auch sexualisierte Gewalt ist auf der Reise Alltag. In 45 Prozent dieser Fälle sind die Täter Schmuggler, ein Fünftel der Übergriffe verantworteten staatliche Sicherheitskräfte. Immer wieder geraten Frauen und Mädchen in die Hände von Menschenhändlern. Etwa 28 Prozent der Opfer starben bei der Durchquerung der Sahara. Die meisten Toten sind auf Krankheit und mangelnde medizinische Versorgung zurückzuführen – oft verbunden mit Hunger und Dehydration.



Libyen ist nicht sicher
Die Überlebenden, die schließlich in Libyen ankommen, sind oft traumatisiert. Und wer die Überfahrt nicht schafft, wird in vielen Fällen von der libyschen Küstenwache aufgegriffen. Dann drohen Internierung und weitere Misshandlungen.

Die Herausgeber schreiben: „Die in diesem Bericht vorgelegten Beweise unterstreichen, dass Libyen kein sicherer Ort ist, an den Menschen zurückkehren können. Sie zeigen, dass es nicht hinnehmbar ist, Menschen der Willkür von Schmugglern, kriminellen Banden und Gefangenenlagern auszuliefern. Sie zeigen, dass der unachtsame Umgang mit Flüchtlingen und Migranten inakzeptabel ist.“3

Mitverantwortlich für die Situation ist auch die Europäische Union. Seit einigen Jahren versucht sie zunehmend, Flüchtlinge davon abzuhalten, überhaupt erst ihre Außengrenzen zu erreichen, und verschiebt diese weiter nach Süden. Viele Beobachter fürchten jedoch, dass sich das Sterben so nur verlagert. Dazu vereinbart die EU Deals mit afrikanischen Regierungen. Für Unterstützung bei der Bekämpfung “irregulärer Migration” winkt Entwicklungshilfe. So drängte die EU den Niger dazu, das Gesetz 2015/36 zu verabschieden, das den Transport von Ausländern gen Libyen kriminalisiert. Dies führt dazu, dass Migranten und Flüchtlinge dazu gezwungen sind, weit gefährlichere Routen auf sich zu nehmen.4

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[1] UNHCR & Mixed Migration Centre (Hg.): „On this Journey no one cares if you live or die“: Abuse, protection, and justice along routes between East and West Africa and Africa’s Mediterranean coast, auf: unhcr.org (Juli 2019).
[2] Ebd., S. 7.
[3] Ebd., S. 2.
[4] European Council on Foreign Relations (Hg.): Migration through the Mediterranean: Mapping the EU response, auf: ecfr.eu (1.6.2018).


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03.08.2020

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