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Studie
Warum wir uns beim Sex verstecken


Sex ohne Zuschauer ist ein typisch menschliches Verhalten, das zwei grundsätzliche Bedürfnisse miteinander vereint: den Partner zu kontrollieren und mit anderen zu kooperieren. Von SIMON TREUTLER



Studie: „Why do human and non-human species conceal mating? The cooperation maintenance hypothesis“ von Yitzchak Ben Mocha (August 2020).

Die meisten Tiere treiben es ohne jede Scham vor den Augen ihren Artgenossen. Jedenfalls die Individuen, die keine Angst davor haben müssen, von anderen unterbrochen zu werden, weil sie zum Beispiel weiter unten in der sozialen Rangfolge stehen. Wer sich also keine Sorgen machen muss, den Geschlechtspartner noch während des Aktes zu verlieren, kopuliert in aller Offenheit. Hiervon hat der Vogelkundler Yitzchak Ben Mocha von der Universität Zürich bisher nur zwei Ausnahmen finden können: den Graudrossling, einen geselligen Wüstenvogel, der in stabilen Gruppen mit klarer Rangordnung nistet und lebt, und: den Menschen.

Ben Mocha verglich das menschliche Sexualverhalten in 249 Kulturen der Welt miteinander. Dazu untersuchte er fast 4.600 Ethnografien und wertete sie hinsichtlich der Frage aus, ob es typisch menschlich ist, sich zum Sex zurückzuziehen. Sein Ergebnis: Ja, ist es. In fast allen Kulturen hat der Mensch Geschlechtsverkehr lieber in trauter Zweisamkeit und entzieht sich den Blicken anderer.

Auf diese Beobachtung gründet Ben Mocha die Kooperationserhaltungshypothese. Sie besagt, dass der Mensch, wie auch manche andere Tiere, stark auf ein hochkomplexes Sozialverhalten und Kooperation angewiesen ist. Zugleich will er aber kontrollieren, mit wem sich der Partner paart. Laut Ben Mocha gibt es keine Kultur, in der es Ehepartnern gleichermaßen erlaubt wäre, sich außerehelich fortzupflanzen. Bei orthodoxen Juden beispielsweise ist dies beiden Eheleuten verboten, auf der Insel Malekula müssen nur die Frauen ihren Männern treu sein und bei den indigenen Waorani dürfen zwar beide Partner fremdgehen, allerdings nur mit bestimmten Personen. Nirgends gibt es eine vollständig offene Ehe.

Der Mensch will also prinzipiell Kontrolle über das Sexualverhalten seiner Partner ausüben. Interessierte Dritte dürfen nicht mitmachen. Das missfällt diesen oft und kann zu Ablehnung führen. Zugleich ist der kontrollierende Partner aber von der Kooperation mit diesen Konkurrenten abhängig. Da diese beim Anblick des Geschlechtsaktes erregt werden und somit versuchen könnten, ebenfalls Sex mit dem Partner zu haben, käme es bei offenerZurschaustellung immer wieder zu Spannungssituationen: Man will also beispielsweise nicht, dass die Nachbarin Sex mit dem eigenen Ehemann hat, möchte aber dennoch ein kollegiales Verhältnis zu ihr wahren. Um den Konflikt gar nicht erst entstehen zu lassen, entzieht man den Partner in seiner Eigenschaft als Sexualobjekt den Blicken der Nachbarin und ermöglicht so ein friedliches Neben- und Miteinander.

Die Kooperationserhaltungshypothese ist laut Ben Mocha auch mit der Tatsache vereinbar, dass menschenähnliche Tiere wie etwa Bonobos oder Schimpansen sich nicht im Geheimen paaren. Sie fordern keinen exklusiven sexuellen Zugriff auf ihre Partnerinnen, weil entweder die Fortpflanzungskonkurrenz bei ihnen anders – beispielsweise über die Qualität des Spermas – funktioniert, oder sie ganz einfach nicht so sehr von der Kooperationsbereitschaft untergeordneter Gruppenmitglieder abhängig sind wie Mensch und Graudrossling.

Dieser Text erschien in der 19. Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.


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21.10.2020

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