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Digitale Gewalt
Jedes zweite Mädchen wird im Internet belästigt


Mädchen werden online nicht vor Gewalt geschützt. Oft fühlt sich niemand verantwortlich. Probleme gibt es aber viele. Von VIKTORIA PEHLKE



Das Internet ist für Mädchen kein sicherer Ort. Das berichtet das Kinderhilfswerk Plan international. Es veröffentlichte im September den Report “free to be online” zum Thema Gewalt gegen Mädchen im Netz. Im Rahmen des Reports befragte Plan über 14.000 Mädchen und junge Frauen zwischen 15 und 25 Jahren aus insgesamt 31 Ländern. Anlass der Recherche war unter anderem die Covid-19-Pandemie. Kinder und Jugendliche verbrachten während des Lockdowns mehr Zeit online.1

Die Befragung fand online über einen Fragebogen und über Telefoninterviews statt. Sie ergab, dass mehr als jedes zweite Mädchen bereits im Internet beleidigt und belästigt wurde. Jede Vierte der Betroffenen fühlte sich dadurch auch im physischen Raum unsicher. Meistens werden Mädchen für ihre bloße Onlinepräsenz angegriffen. Täter nutzen Geschlechterstereotypen, um Mädchen zu sexualisieren und zu diskriminieren - sie fordern die Mädchen beispielsweise auf, ihnen anzügliche Bilder zu schicken. Eine Teilnehmerin berichtet von einem User, der ihr Geld für Sex bot. Die größte Angst der Befragten ist, dass ihre Bilder ohne ihre Zustimmung weiterverbreitet werden. Belästigung nimmt zu, wenn Mädchen soziale Medien nutzen, um ihre Meinung zu politischen Themen, Geschlechtergerechtigkeit oder Schwangerschaftsabbrüchen zu äußern. Eine Teilnehmerin der Befragung meint: "Ich bin nicht einmal frei darin, meine Meinung zu teilen, wenn ich meinen eigenen Account nutze."

Mädchen werden zum Schweigen gebracht
Die Konsequenz: Viele belästigte Mädchen ziehen sich von sozialen Plattformen zurück. 19 Prozent der Mädchen, die sehr regelmäßig belästigt werden, gaben an, soziale Medien weniger zu nutzen. 18 Prozent hörten auf, ihre persönliche Meinung zu äußern. Sie posten, teilen und kommentieren seltener und werden so im Netz mundtot gemacht. Für Mädchen bedeutet das, dass sie nicht die gleichen Chancen auf digitale Bildung haben wie Jungen. Mädchen, die sich aufgrund von Gewalt aus dem Internet zurückziehen, verpassen digitale Bildungschancen wie Ratgeber und Angebote von politischen Einrichtungen.2

Digitale Gewalt ist kein Problem, das das Leben der Mädchen nur online belastet. Das belegen weitere Studien. Forscherinnen und Forscher der Swansea University untersuchten beispielsweise, wie sich Cybermobbing auf die mentale Gesundheit von Kindern und jungen Menschen auswirkt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass Opfer von Cybermobbing ein größeres Risiko für Selbstverletzung oder suizidales Verhalten haben.3 Belästigung beginnt bei Mädchen schon früh. Plan International gibt an, dass die meisten Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren erstmals online belästigt werden. Doch auch früher erfahren viele Mädchen digitale Gewalt. Das Alter der Mädchen beeinflusst auch ihren Umgang mit der Belästigung. Dem Bericht von Plan zufolge werden Mädchen mit der Zeit resilienter. Sie lernen mit digitaler Gewalt umzugehen.

Es müssen strengere Gesetze her
Regierungen sollen durch strengere Gesetze einen Beitrag zur Bekämpfung von Gewalt leisten. Im Juni 2020 verabschiedete der Bundestag ein Gesetzespaket gegen Hass und Hetze. Es verpflichtet Plattformen, strafbare Postings in bestimmten Fällen an das Bundeskriminalamt zu melden.4 Plan International fordert, dass Gesetze auch staatenübergreifend gemacht werden. Gerade in Entwicklungsländern ist das Anzeigen von Tätern fast unmöglich. Im Südsudan beispielsweise gibt es kein Gesetz gegen digitale Gewalt. Mädchen werden dort nicht geschützt.

Ohne effektive Gesetze und Meldefunktionen sind Mädchen auf sich allein gestellt. Auch Eltern sind oft selbst nicht mit den nötigen Informationen ausgestattet, die ihre Kinder schützen können. Viele Eltern kennen beispielsweise nicht das Mindestalter für die Anmeldung auf sozialen Plattformen. Ein Bericht der britischen Firma Ofcam fand heraus, dass nur ein Fünftel der befragten Eltern das Mindestalter für Instagram kennen. Bei Snapchat waren es noch weniger. Beide Plattformen erlauben ein Profil ab 13 Jahren. Dabei hat mittlerweile jedes vierte 10-jährige Kind in Großbritannien ein Profil in einem sozialen Netzwerk. Instagram und Snapchat zählen zu den beliebtesten Plattformen.5

Das Internet ist für Jugendliche eine Art Rückzugsort. Dort können sie sich kreativ ausleben und sich mit anderen vernetzen.6 Es fehlt jedoch an Aufklärung über Privatsphäre und Sicherheit. Einige Mädchen berichten, dass sie sich erst nach einem Vorfall mit den Privatsphäre-Einstellungen auseinandersetzen. Gerade weil Plattformen wie Facebook nicht für Kinder gemacht, aber trotzdem für sie frei zugänglich sind. Belästigung aufgrund ihres Geschlechts gehört für Mädchen und junge Frauen sowohl im echten Leben, als auch online zum Alltag. Das darf sie nicht daran hindern, im Internet eine Stimme zu haben. 

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[1] Plan international (Hg.): Free to be online?, auf: plan-international.org (2020), S. 6.
[2] Bundesamt für politische Bildung (Hg.): Internet und Jugendliche, auf: bpb.de (5.11.2018).
[3] John, Anna et al: Self-Harm, Suicidal Behaviours, and Cyberbullying in Children and Young People: Systematic Review, auf: jmir.org (19.4.2018).
[4] Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (Hg.): Gesetzespaket gegen Hass und Hetze ist ein Gesetzespaket zum Schutz der Demokratie, auf: bmjv.de (18.6.2020).
[5] Ofcom (Hg.): Children and parents: Media use and attitudes report, auf: ofcom.org.uk (4.2.2020) S.19.
[6] Raising Children (Hg.): Social media benefits and risks: children and teenagers, auf: raisingchildren.net.au (ohne Datum).


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23.10.2020

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