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Impfscheu
Mehr Geschrei, weniger Impfvertrauen


Die Impfscheu gilt als eines der drängendsten gesundheitspolitischen Probleme weltweit - nicht erst seit Corona. Das hat mehr mit Politik zu tun als mit Medizin. Von TOBIAS MÜLLER



Eine nicht-repräsentative Umfrage unter Pflegekräften und Ärzten sorgte jüngst in Deutschland für Aufsehen. Demnach war nur rund die Hälfte des Pflegepersonals dazu bereit, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Nach Angaben der gerade entstehenden Pflegekammer NRW sind diese Zahlen in der Zwischenzeit überholt. Tatsächlich seien aktuell 80 Prozent der in Pflege Beschäftigen bereit, sich der Impfung zu unterziehen.1

Doch das Thema Impfscheu ist nicht erst seit der Corona-Pandemie von großer Bedeutung. 2019 setzte es die Weltgesundheitsorganisation auf die Liste der drängendsten gesundheitspolitischen Probleme weltweit.2 

Vergleichende Untersuchungen zur Impfbereitschaft in den unterschiedlichen Regionen und Staaten der Welt sind rar. Die bis heute umfangreichste Studie dieser Art wurde im Sommer 2020 veröffentlicht. Forscher und Forscherinnen der London School of Hygiene & Tropical Medicine trugen hier Umfrageergebnisse aus 149 Staaten zusammen. Unter anderem wollten sie die Einstellungen zu Sicherheit und Effektivität moderner Impfstoffe erfassen. Für Europa kommen sie zu folgenden Ergebnissen: Zwar ist zwischen 2015 und 2019 das Vertrauen in Impfstoffe in einigen Ländern gestiegen - etwa Finnland, Frankreich, Italien und Irland. Auf der anderen Seite ist jedoch zu beobachten, dass die Werte etwa in Polen zwischen 2018 und 2019 gesunken sind. Allgemein sei das Vertrauen in Sicherheit und Effektivität von Impfstoffen in Europa niedrig, wenn man es mit anderen Weltregionen vergleiche.3

Was hinter der Impfscheu steht
Ein geringes oder sinkendes Impfvertrauen führen die Forscherinnen und Forscher in erster Linie auf nicht-medizinische Faktoren zurück. Es seien weniger begründete Zweifel an der Effektivität und Sicherheit von Impfstoffen, die von Seiten skeptischer Stimmen ins Feld geführt würden. Vielmehr trage ein allgemeines Misstrauen gegenüber politischen und wissenschaftlichen Eliten zu einer ablehnenden Haltung bei. Befördert werde diese darüber hinaus durch eine Emotionalisierung der Debatte. Nicht selten, so die Forscherinnen und Forscher, versuchten politische Interessengruppen Profit aus einer Unsicherheit in der Bevölkerung zu schlagen. In anderen Fällen sei es schwieriger, über Nutzen und Risiken von Impfungen aufzuklären, weil viele Menschen ihrem unmittelbaren Umfeld mehr Autorität zusprechen als abstrakter Wissenschaft.4 

Wird das Impfen zur Identitätsfrage, so lassen sich die Befunde zusammenfassen, ist eine sachliche Auseinandersetzung nur unter größten Anstrengungen möglich. Dass Polarisierung und Emotionalisierung der öffentlichen Debatte seit Ende 2018 eher zu- als abgenommen haben, ist schlecht. Mit Blick auf eine weltweite Impfkampagne gegen das Corona-Virus muss jedoch ohnehin zuerst ausreichend Impfstoff hergestellt und weltweit verteilt werden.5

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[1] WDR (Hg.): Impfbereitschaft unter Pflegepersonal viel höher als gedacht, auf: wdr.de (18.1.2020). 
[2] WHO (Hg.): Ten threats to global health in 2019, auf: who.int (ohne Datum). 
[3] Figueiredo, Alexandre de et al.: Mapping global trends in vaccine confidence and investigating barriers to vaccine uptake: a large-scale retrospective temporal modelling study, auf: thelancet.com (10.9.2020).
[4] Ebd.
[5] WHO (Hg.): COVAX: Working for global equitable access to COVID-19 vaccines, auf: who.int (ohne Datum). 


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20.01.2021

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