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Vinland Map
Wie Amerika auf die Welt kam


1965 veröffentlicht die Universität Yale eine historische Weltkarte, die als erste Darstellung überhaupt Nordamerika abbildet. Glaubt man der Karte, haben die Wikinger die Neue Welt lange vor Kolumbus entdeckt. Doch bis heute sorgen Ungereimtheiten für Zweifel an ihrer Echtheit. Ein kartografischer Krimi von FRANCIS NENIK



Als der in New Haven/Connecticut ansässige Buchhändler Laurence Witten im März 1957 ein von Würmern angefressenes Stück Pergament in den Händen hält, hat er den ganz großen Fang gemacht. Zumindest glaubt er das, denn was er für gerade einmal 3.500 Dollar gekauft hat, ist in seinen Augen eine kartografische Sensation. Es ist eine Weltkarte, die aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt und neben Europa, Asien und Afrika zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Amerika zeigt.

Auf den ersten Blick ist dieses Amerika nichts weiter als eine Insel am westlichen Ende der Welt, ein ziemlich abseits liegender Flecken Erde, der nur ein Stück der heutigen Ostküste repräsentiert, bei dem es sich wahrscheinlich um Neufundland handelt. Ein namenloser Kartograf hatte das von zwei tiefen Fjorden durchzogene Gebiet aufs Pergament gezeichnet und »Vinilanda« danebengeschrieben, weshalb die Karte später den Namen »Vinland Map« erhielt. Als Entdecker von Vinland nennt die Legende der Karte zwei isländische Wikinger, die den Kontinent bereits um das Jahr 1000 – und somit 500 Jahre vor Kolumbus – mit ihren Schiffen erreicht haben sollen.



So gesehen kehrt die Karte mithilfe von Laurence Witten im März 1957 nach Hause zurück, doch hat sie zu diesem Zeitpunkt bereits eine kleine Odyssee hinter sich. Witten selbst hatte die Vinland Map in Zürich von einem Geschäftsmann namens Enzo Ferrajoli gekauft, ohne zu wissen, dass dieser die Karte zuvor schon dem in London ansässigen Buchhändler John Davis sowie dem British Museum angeboten hatte. Da Ferrajoli aber keinen Herkunftsnachweis liefern konnte und lediglich angab, die Karte aus einer spanischen Privatbibliothek bekommen zu haben, hatte man dort auf den Ankauf verzichtet.

Die Vinland Map ist allerdings kein Einzeldokument, sondern war, als Witten sie kaufte, mit einem Manuskript zusammengebunden, das mit »Hystoria Tartarorum« überschrieben war und ebenfalls aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt. Bei diesem gemeinhin als »Tartar Relation« bezeichneten Manuskript handelt es sich um die Kopie eines verlorenen Originals aus dem 13. Jahrhundert. Dieses wiederum basiert zu großen Teilen auf der sogenannten »Ystoria Mongalorum« – einem Reisebericht, der von einem italienischen Mönch im Jahre 1247 im Anschluss an einen Aufenthalt am mongolischen Hof verfasst worden war. Obwohl Witten mit der Tartar Relation somit ein zweites bis dahin unbekanntes Manuskript besaß, galt sein Interesse vor allem der Vinland Map, denn sie war es, die in Amerika Renommee und Rendite versprach.

Als Witten die Karte im Oktober 1957 der Universität Yale anbietet, erlebt er jedoch eine böse Überraschung: Thomas Marston, der die dortige Kartenabteilung leitet, teilt ihm mit, dass beide Dokumente von Würmern durchlöchert seien. Die Wurmlöcher sind in Wahrheit natürlich das Produkt des Gemeinen Nagekäfers, im Volksmund Holzwurm genannt, doch ist ein anderes Detail entscheidend. Die Löcher der beiden Manuskripte passen nämlich nicht zusammen. Genauer gesagt: Die Wurmaustrittslöcher der Vinland Map stimmen nicht mit den Wurmeintrittslöchern der dahinter gebundenen Tartar Relation überein. Auch in Yale sieht man folglich vom Kauf ab. Irgendetwas, so heißt es, stimmt mit der Karte nicht.



Die Geschichte nimmt jedoch schon bald eine weitere, schier unglaubliche Wendung, denn ein halbes Jahr später, im April 1958, erwirbt ebenjener Thomas Marston beim bereits erwähnten Londoner Buchhändler Davis ein altes Manuskript, das, genau wie die Vinland Map und die Tartar Relation, aus dem 15. Jahrhundert stammt. Es ist die Kopie eines Teils der sogenannten Spiegelgeschichte, einer Enzyklopädie, deren Original ins 13. Jahrhundert datiert wird. Da Marston keine Zeit für eine Untersuchung des Manuskripts hat, gibt er es Witten. Weil die Spiegelgeschichte ebenfalls durchlöchert ist, packt Witten sie spaßeshalber zwischen die Vinland Map und die Tartar Relation – und siehe da: Die Wurmlöcher stimmen plötzlich überein. Mit anderen Worten: Die beiden Manuskripte und die Karte müssen einst zusammengebunden und die Würmer einmal quer durch den ganzen Papier- und Pergamentstapel gekrochen sein. Aber es gibt noch einen weiteren Hinweis auf ihre frühere Zusammengehörigkeit: Das Wasserzeichen auf der Tartar Relation ist das gleiche wie das auf der Spiegelgeschichte. Es lässt sich auf die Zeit um 1440 datieren und stammt wahrscheinlich aus einer Papiermühle in der Nähe von Basel.

Was Witten dagegen nicht weiß und genau wie Marston erst später erfährt, ist die Tatsache, dass Davis beim Verkauf der Spiegelgeschichte nur als Zwischenhändler fungierte und das Manuskript von Ferrajoli bekam. Laut dessen Angaben stammt auch die Spiegelgeschichte aus einer spanischen Privatbibliothek, doch ist das nicht überprüfbar, denn alle Herkunftszeichen sind fein säuberlich abgekratzt worden. An einer Stelle aber sind noch Reste eines Stempels erkennbar. Sie lassen den Schluss zu, dass sich das Manuskript nicht in privater, sondern in öffentlicher Hand befunden hatte. Im Falle von Ferrajoli eine durchaus plausible Vermutung, hatte er doch in den Jahren zuvor in Spanien eine Reihe alter Manuskripte aus Bibliotheken gestohlen, die Markierungen entfernt und die Werke auf den Markt gebracht.

Ein Teil davon landete an der Universität Yale, bei Thomas Marston. Allerdings weiß man 1958 in Yale offiziell nichts davon, und hat auch sonst ganz andere Sorgen, schließlich will man die Vinland Map kaufen. Doch es gibt ein Problem: Der Buchhändler Witten hat den Preis inzwischen von 3.500 auf 300.000 Dollar erhöht.

Da Yale die Karte aber unbedingt haben will, wird nach einem Mäzen gesucht und ein solcher im August 1959 schließlich gefunden. Es ist, wie sich erst Jahrzehnte später herausstellen wird, Paul Mellon, ein ehemaliger Student, der nicht nur ein bedeutender Kunstsammler, sondern auch der Sohn des früheren US-Finanzministers Andrew Mellon ist und als solcher über ebenso viel Geld wie Kontakte verfügt.

Paul Mellon spendet die Vinland Map der Universität unter der Bedingung, dass sie erst öffentlich gezeigt werden darf, wenn ihre Echtheit wissenschaftlich erwiesen ist. Die Zweifel an der Echtheit der Karte sind zu diesem Zeitpunkt allerdings gering, und sie werden noch geringer, als Archäologen 1960 in Neufundland eine Wikingersiedlung entdecken. Ihre Datierung auf das Jahr 1000 passt hervorragend zu dem, was auf der Vinland Map steht.

Am 11. Oktober 1965 ist es schließlich so weit. In einer sorgfältig orchestrierten Pressekampagne verkündet die Universität Yale den Ankauf des »wichtigsten kartografischen Fundes des Jahrhunderts«.1 Zeitgleich erscheint die dazugehörige Publikation: ein zwei Kilo schwerer Wälzer namens »The Vinland Map and the Tartar Relation«. Das Buch und die Karte sind eine Sensation, die weltweit Schlagzeilen macht.

Und doch gibt es zwei Gruppen, die alles andere als glücklich darüber sind. Da sind zum einen die Italiener, besonders jene, die in Amerika leben. Sie empfinden es als Affront, dass das Buch und die Karte ausgerechnet am Vorabend des »Columbus Day« präsentiert werden. Und da sind zum anderen zahlreiche Forscher, die an der Echtheit der Vinland Map zweifeln. Da die Existenz der Karte bisher geheim gehalten wurde und nur eine Handvoll Wissenschaftler an der Publikation beteiligt war, haben die meisten erst jetzt die Möglichkeit, sie eingehend zu untersuchen.

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten werden hunderte Studien zur Karte verfasst, und bis heute halten die Untersuchungen an. Ein endgültiger Beweis, ob die Vinland Map echt oder gefälscht ist, konnte jedoch nicht erbracht werden. Als besonderer Streitpunkt entpuppt sich die für die Karte verwendete Tinte. Sie wird aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung, insbesondere wegen eines darin vorkommenden Titanoxids, von vielen Forschern ins 20. Jahrhundert datiert, andere sehen sie dagegen als wesentlich älter an. Neben der Tinte gibt es aber auch kartografische Zweifel, da Grönland auf der Vinland Map als Insel dargestellt ist und – im Gegensatz zu den meisten anderen Regionen – auffällig genau seiner tatsächlichen Form und Größe entspricht. Jedoch ist die Darstellung Grönlands als Insel für das 15. Jahrhundert nirgends belegt und auch nicht zu erwarten, da die Ausdehnung der Insel zu jener Zeit unbekannt war und Grönland vor Ende des 19. Jahrhunderts auch nicht umsegelt werden konnte. Ebenso sprechen bestimmte sprachliche Ausdrücke in der Legende für ein späteres Entstehungsdatum. Demgegenüber steht die Tatsache, dass sich das Pergament mithilfe der Radiokarbonmethode2 sicher in die Zeit um 1440 datieren lässt. Das bedeutet allerdings nicht viel, da die Karte zu jedem späteren Zeitpunkt aufs Pergament gezeichnet worden sein könnte. Selbst die Wurmlöcher müssen kein Zeichen für ein hohes Alter ein, schließlich kann sich der Gemeine Nagekäfer binnen eines Jahres durch mehrere hundert Seiten fressen. Zudem sind Fälle bekannt, in denen das Tier von Fälschern dazu benutzt wurde, um den Eindruck eines hohen Alters zu erzeugen.

2004 hat die Historikerin Kirsten Seaver den Jesuiten-Geograf Joseph Fischer (1858-1944) aufgrund seiner kartografischen Kenntnisse, seines Interesses an den Wikinger-Expeditionen sowie einer Reihe persönlicher Ab- und politischer Ansichten als Fälscher der Karte zu identifizieren versucht.3 Handschriftexperten kamen später jedoch zu dem Schluss, dass die Schrift auf der Vinland Map nicht mit der Fischers übereinstimmt. Die Fälschungsthese konnte somit nicht endgültig bewiesen werden, erhielt aber im Jahr 2013 neuen Aufschwung, als ein schottischer Amateurhistoriker mit Hilfe einer einfachen Google-Suche herausfand, dass in einem Ausstellungskatalog aus dem Jahre 1892 die Tartar Relation und die Spiegelgeschichte zusammen auftauchen, die Vinland Map dagegen fehlt.

Und in Yale? Da scheint man inzwischen auch nicht mehr an die Echtheit der Karte zu glauben. Zwar ist sie seit Mai nach über fünfzig Jahren zum ersten Mal wieder öffentlich zu sehen, doch kommt die zur Karte gehörende Beschriftung recht knapp daher. Sie lautet: »Vinland Map. Autor: unbekannt. Herkunft: unbekannt. Datierung: Anfang/Mitte 20. Jahrhundert.«

Dieser Text erschien in der elften Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.

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[1] Die Vinland Map sei »the most important cartographic find of the century«, heißt es in der Mitteilung der Yale University Press.- Zit. nach McIlwraith, Thomas F.; Muller, Edward K. (Hg.): North America. The Historical Geography of a Changing Continent. Second Edition, Lanham/Maryland 2001, S. 28.
[2] Die Radiokarbonmethode, auch als C-14-Methode bekannt, ist eine Form der radioaktiven Altersbestimmung, die bei organischen Stoffen angewendet wird.
[3] Vgl. Seaver, Kirsten A.: Maps, Myths, and Men. The Story of the Vinland Map, Stanford/California 2004.


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15.01.2019
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Kommentare


John Paul Floyd   11:23 Uhr 18.01.2019

Hallo Marian. Ich bin der Autor von "A Sorry Saga". Ich bin sehr froh, dass Sie mein Buch über die Vinland Map gelesen haben. Der Artikel von Herrn Nenik ist ausgezeichnet, aber mein Buch enthält einige wichtige neue Erkenntnisse. Danke, dass Sie diese so gut zusammengefasst haben!





Marian Wohlfahrt   11:08 Uhr 16.01.2019

Spannend! Inzwischen hat der besagte schottische Amateuristoriker (sein Name ist John Paul Floyd) seine in den vergangenen Jahren gewonnenen Erkenntnisse in einem 2018 erschienenen Buch zusammengefasst. ("A Sorry Saga. Theft, Forgery, Scholarship... and the Vinland Map"). Darin wird auch die Verwicklung des im Text genannten Enzo Ferrajoli noch einmal betont und die dahinter stehende Verbindung zu den hierzulande kaum bekannten Diebstählen von Saragossa - die Nenik in seinem Roman über die Vinland Map auch erwähnt - gezogen. Floyd verweist allerdings als erster darauf, dass der Fälscher der Vinland Map (wenn sie denn gefälscht ist), einen möglicherweise fatalen Fehler begangen und recht offensichtliche Details aus einer Karte aus dem 18. Jahrhundert von Vincenzio Formaleoni (1752-1797) kopiert hat - was trotz hunderter von Studien noch keinem Wissenschaftler zuvor aufgefallen ist und erst jetzt durch Floyds Buch ans Licht kommt.
Das Mysterium um die Vinland Map ist damit aber noch nicht geklärt, denn so lange kein definitiver Fälscher fest steht, bleibt die These von einer möglichen Echtheit weiter im Raum.



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