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Handelsbeziehungen
Afrika ist nicht Lateinamerika, und China nicht die USA – ein bisschen aber schon


Südamerika ist bis heute stark von den USA abhängig. Ähnliche Verhältnisse entstehen nun auch zwischen Afrika und China. Das sind die Unterschiede. Von JULIUS GABELE



Der Entwicklungsrückstand Lateinamerikas wurde lange Zeit als Folge der Kolonialzeit und des andauernden Verharrens im Feudalsystem gesehen. Entwicklungstheoretiker empfahlen als Lösung Reformen, Investitionen und eine engere Integration in den Weltmarkt. Schnell würden sich die lateinamerikanischen Staaten von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft entwickeln – genau wie die Industrienationen Europas und Nordamerikas. In einem Teil dieses Ansatzes sahen die Dependenztheoretiker der 1950er- und 1960er-Jahre allerdings keineswegs die Lösung, sondern vielmehr die Ursache für die Unterentwicklung des Kontinents.



Die unterentwickelten Staaten, auch als »Peripherie« bezeichnet, importierten mehrheitlich industriell gefertigte Konsumgüter wie Kraftfahrzeuge und Maschinen aus den westlichen Industrienationen, dem sogenannten »Zentrum«. Gleichzeitig exportierten sie jedoch fast ausschließlich unverarbeitete Primärgüter wie Rohstoffe, Kaffee oder Obst. Während sich die importierten Güter immer weiter entwickelten, aufwendiger und teurer wurden, gab es ein klares Innovationslimit bei den eigenen Exportgütern. Langfristig verschlechterte sich dadurch kontinuierlich das reale Güteraustauschverhältnis zwischen Peripherie und Zentrum – oder einfach: Ein Chilene musste jedes Jahr mehr Äpfel exportieren, um sich ein neues US-amerikanisches Auto leisten zu können. Er geriet also zunehmend in Abhängigkeit – das bedeutet Dependenz.

Die Dependenztheoretiker schlussfolgerten deshalb, dass die Entwicklung der lateinamerikanischen Gesellschaft nach westlichem Vorbild aufgrund der wachsenden Verflechtung mit den westlichen Staaten, speziell den USA, schlichtweg illusorisch sei. Viel zu hoch sei die Abhängigkeit vom Export einiger weniger Primärgüter, die zudem den Preisschwankungen am Weltmarkt unterliegen. Zudem spielten die USA in den 1970er- und 1980er-Jahren bei den Machtergreifungen verschiedener autoritärer Regime in Mittel- und Südamerika eine bedeutende Rolle. Sie trugen damit nicht nur zur wirtschaftlichen Unterentwicklung Lateinamerikas bei, sondern warfen zusätzlich die gesellschaftlich-politische Entwicklung des Kontinents zurück.



China hat die USA als größten Handelspartner Afrikas überholt
Es fällt erstaunlich leicht, zwischen diesen Debatten über Lateinamerika den Bogen zu Chinas wachsender wirtschaftlicher Dominanz in Afrika und ihren Folgen zu schlagen: Die allermeisten Staaten Afrikas gelten seit jeher als unterentwickelt und exportieren fast ausschließlich Rohstoffe.

China hat seit Kurzem die USA als größten Handelspartner des Kontinents überholt und exportiert größtenteils Maschinen und Konsumgüter nach Afrika. Außerdem hat China aufgrund seines Festhaltens am Prinzip der Nichteinmischungspolitik nicht nur kein Interesse daran, Demokratisierungsprozesse in Afrika zu fördern, sondern zeigt zudem keinerlei Skrupel, mit afrikanischen Diktatoren Geschäfte zu machen. Doch wie vergleichbar sind beide Situationen wirklich?

China spielt in der ursprünglichen Entstehung des Entwicklungsrückstands Afrikas gegenüber den Industrienationen kaum eine Rolle. Gründe für das Defizit sind vor allem die ausbeuterische Vergangenheit der europäischen Staaten auf dem Kontinent und die nach der Entkolonialisierung weiterhin ungleichen wirtschaftlichen Beziehungen zu den ehemaligen Kolonialherren. China hat keine koloniale Vorgeschichte in Afrika und konnte während des 20. Jahrhunderts größtenteils selbst der Peripherie zugeordnet werden. Trotz erster Handelsbeziehungen während des Kalten Krieges, hat sich China in Afrika erst ungefähr ab der Jahrtausendwende zu einem Akteur entwickelt, dessen wirtschaftspolitischer Einfluss mit dem der westlichen Staaten vergleichbar ist. Doch lassen sich die heutigen chinesisch-afrikanischen Beziehungen mit der Dependenztheorie beschreiben?



Die einzelnen dependenztheoretischen Überlegungen unterscheiden sich inhaltlich zum Teil deutlich voneinander. Jedoch gibt es einige grundlegende Übereinstimmungen darüber, wie sich generell die strukturellen Abhängigkeitsverhältnisse zwischen der lateinamerikanischen Peripherie und dem westlichen Zentrum institutionell verfestigen konnten:1

China verdrängt kleinere Betriebe, aber exportiert dafür Technik-Know-how
Seit dem Beginn der 1990er-Jahre liegt Chinas Hauptinteresse in Afrika darin, die heimische Wirtschaft mit Öl und anderen Rohstoffen zu versorgen. Das chinesische Wirtschaftswachstum lässt sich mittelfristig nur über günstige Rohstoffimporte aufrechterhalten und Afrika besitzt viele Ressourcen, die zu einem bedeutenden Teil noch nicht effektiv erschlossen sind. Zudem hat sich Afrika zu einem wachsenden Absatzmarkt für Chinas Konsumgüter entwickelt.

So trägt China klar zum enorm ungleichen Warenaustausch Afrikas und zur Verstärkung von Afrikas Rohstoffabhängigkeit bei. Allerdings bemüht sich der chinesische Staat zusehends, dieser Ungleichheit auf langfristige Sicht entgegenzuwirken – unter anderem durch die Einführung von Zollbefreiungen auf einige afrikanische Güter und die Errichtung von Sonderwirtschaftszonen.2



China profitiert von seiner technologischen Überlegenheit, dem Export industrieller Maschinen und der Vergabe von Krediten an die Staaten Afrikas. Jedoch legen chinesische Investoren deutlich mehr Wert auf eine vollständige Rückzahlung von Krediten, als sich dies bei westlichen Gebern der Fall ist.3 Um die Rückzahlung zu garantieren und die Verschuldung möglichst nachhaltig zu gestalten, hat China in Afrika ein flexibles System aus diversen Finanzierungsmöglichkeiten,4 niedrigen Zinssätzen und Subventionen entwickelt. Zudem unterstützt China über eine Reihe von Fonds, Kooperationen, Workshops und Entwicklungshilfeprojekten den Technologietransfer und die Optimierung landwirtschaftlicher Abläufe. Das hat zum Ziel, die afrikanische Exportpalette zu erweitern und den Industrialisierungsprozess zu beschleunigen.

Die Rolle chinesischer Großunternehmen und ihrer Impulse für den afrikanischen Arbeitsmarkt ist umstrittener: So kommt es häufig zur Verdrängung von weniger etablierten afrikanischen Unternehmen und zur Gefährdung der Lebensgrundlage von Kleinbauern durch chinesische Großfarmen. Allerdings schafft China auf dem Kontinent zweifellos mehr Arbeitsplätze, als durch sein Engagement verloren gehen – zum Beispiel durch das allmähliche Outsourcing arbeitsintensiver Manufakturbetriebe.5

Des Weiteren ist Chinas kultureller Einfluss in Afrika aktuell bei weitem nicht stark genug, um die Konsumorientierung der afrikanischen Bevölkerung maßgeblich beeinflussen zu können.6 China profitiert aber durchaus von der günstigeren Herstellung und dem Export westlicher Konsumgüter nach Afrika.

Gleichberechtigte Partner, korrupte Partner
Zu der Situation in Lateinamerika können also einige deutliche Parallelen gezogen werden. Allerdings ist die Anwendung der Dependenztheorie auf die chinesisch-afrikanischen Beziehungen in zweierlei Hinsicht problematisch: Zum einen ist China erst seit einer relativ kurzen Zeit auf dem Kontinent wirtschaftlich aktiver, während sich die Dependenzverhältnisse zwischen dem Westen und Lateinamerika über Jahrhunderte verfestigt hatten.

Zum anderen lässt sich Chinas Netzwerk aus verschiedenen privaten Investoren, Global Players, staatlichen Fonds, Joint Ventures, Kleinunternehmern und ihren regional unterschiedlichen Interessen nicht zu einem klassischen Akteur des Zentrums zusammenfassen. Einige Elemente des chinesischen Engagements können zwar durchaus als Bestandteil des Zentrums und des westlichen Wirtschaftsraums betrachtet werden. Diese verstärken auch eindeutig die Abhängigkeitsverhältnisse im Sinne der Dependenztheorie. Jedoch können wiederum andere Akteure Chinas als gleichgestellte Partner angesehen werden, die die Industrialisierung Afrikas fördern, die Lebensbedingungen für Teile der afrikanischen Bevölkerung verbessern und dadurch die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Peripherie und Zentrum verringern.

So gilt China in Südafrika oder Ägypten als Partner auf Augenhöhe und willkommene Alternative zu den westlichen Investoren. Andererseits gehen beispielsweise Chinas Interessen in Angola nicht darüber hinaus, möglichst viel Erdöl zu fördern. Dabei kommen immer wieder Fälle von Korruption zwischen chinesischen Unternehmen und der Führungsriege des angolanischen Regimes ans Licht – ein deutlicher Hinweis auf die Vergleichbarkeit mit der Rolle der USA in Lateinamerika.

Laut den amerikanischen Entwicklungsforschern Giles Mohan und Ben Lampert liegt der wichtigste Unterschied jedoch darin, dass es in den chinesisch-afrikanischen Beziehungen viel mehr Verhandlungsspielraum gebe, als es nach dem klassischen Dependenzkonzept normalerweise zu erwarten sei.7 Anders als die lateinamerikanischen Staaten im 20. Jahrhundert hätten die afrikanischen Staaten heute viel mehr Möglichkeiten, die Beziehungen zu China mitzugestalten. Dadurch können sie ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen und sozioökonomischen Bestrebungen gezielter fördern und nachholende Entwicklung für einen möglichst großen Teil der Bevölkerung generieren.

Die chinesisch-afrikanische Zusammenarbeit kann also nicht auf das lateinamerikanische Dependenzraster minimiert und schon vorher als durchweg negativer Prozess abgetan werden. Vielmehr sollte sie aus dem Blickwinkel der zunehmenden gegenseitigen Abhängigkeit betrachtet werden8 – mit all ihren Chancen und Risiken für die Entwicklung des afrikanischen Kontinents.

Dieser Text erschien in der zwölften Ausgabe von KATAPULT. Unterstützen Sie unsere Arbeit und abonnieren Sie das gedruckte Magazin für nur 19,90 Euro im Jahr.

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 [1] Vgl. Ferraro, Vincent: Dependency theory. An Introduction, in: Secondi, Giorgio (Hg.): The Development Economics Reader, London 2008, S. 58-64; Franke, Yvonne; Kumitz, Daniel: Entwicklung und Dependenz, in: Boatca, Manuela; Fischer, Karin; Hauck, Gerhard (Hg.): Handbuch Entwicklungsforschung, Wiesbaden 2016, S. 41-53; Agbebi, Motolani; Virtanen, Petri: Dependency theory. A conceptual lens to understand China’s presence in Africa, in: Forum for Development Studies, Oslo (44)2017, H. 3, S. 429-451.
[2] Vgl. Agbebi/Virtanen 2017, S. 422.
[3] Vgl. Bräutigam, Deborah: China in Africa. What Can Western Donors Learn?, Oslo 2011, S. 6.
[4] Viele chinesische Großinvestitionen finden im Rahmen von R4I-Abkommen (»Resource for Infrastructure«) statt. Diese funktionieren als Tauschabkommen: Chinesischen Firmen werden für eine gewisse Zeit Schürfrechte für afrikanische Resourcen gewährt, im Gegenzug planen und finanzieren chinesische Bauunternehmen größere Infrastrukturprojekte in Afrika, wie Staudämme, Eisenbahnlinien oder Straßennetze. Trotz vieler Kritikpunkte an diesem System hat es sich vor allem deshalb durchgesetzt, weil es den afrikanischen Staaten ermöglicht, ihre sozioökonomische Entwicklung voranzutreiben, ohne sich in größerem Umfang zu verschulden.
[5] Vgl. Xiaoyang, Tang: Does Chinese employment benefit Africans? Investigating Chinese enterprises and their operations in Africa, in: African Studies Quarterly, Gainesville (16)2016, H. 3-4, S. 121.
[6] Vgl. Nye, Joseph: China and soft power, in: South African International Affairs, Johannesburg (19)2012, H. 2, S. 151-155.
[7] Vgl. Mohan, Giles; Lampert, Ben: Negotiating China. Reinserting African agency into China-Africa relations, in: African Affairs, Oxford (112)2012, H. 446, S. 92-110.
[8] Vgl. Agbebi/Virtanen 2017, S. 446.


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11.03.2019

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